Memetic Turn, 29.8.2012:

Futuristen kontra Utopisten

von Joerg Blumtritt.
Futuristisches Ornament einer Lampe in einem Franchise-Café. Man kann auch düstere Symbole im Muster erkennen, wenn man möchte.

In der Piratenpartei gibt es angeblich einen Konflikt zwischen “Kernis”, den Piraten, die meinen, die Partei sollte sich auf ihre (tatsächlichen oder vermeintlichen) Kernthemen konzentrieren, also Urheberrecht, Datenschutz, Informationsgesellschaft – und den “Vollis”, also Leuten, die glauben, die Piraten-Idee ließe sich konsequent auf viele, wenn nicht alle Teile der Gesellschaft übertragen und daraus also ein Vollprogramm entwickeln. Das wäre in etwa vergleichbar zu den Fundis und Realos bei den Grünen. Ich glaube, dass aber die Bruchlinie ganz anders läuft.

Ich glaube, dass es tatsächlich zwei unterschiedliche Philosophien gibt, welche die Meinungen und Entscheidungen der beiden Piraten-Lager motivieren.

Ich würde diese beiden Lager als die Utopisten und die Futuristen bezeichnen. Wenn ich das im Folgenden versuche, so darzustellen, dass man die beiden Gruppen erkennen kann, muss ich selbstverständlich zusammenfassund und vergröbern. In Wirklichkeit sind sicher die wenigsten Piraten 100% in der einen oder der anderen Gruppe, sondern nehmen mehr oder weniger der Argumente für sich an.

Utopisten sind Menschen, die an einen zukünftigen Zustand der Gesellschaft glauben , für den sie arbeiten und kämpfen.

Die Utopisten in der Piratenpartei decken sich größenteils mit den Vollis. Ihre Politik speist sich aus einem spezifischen Menschenbild und dem Wunsch nach einer gerechten Gesellschaft. Die “Kernthemen” der Piraten sind darin zwar enthalten, aber nicht die Hauptsache. Basisdemokratie, Transparenz und soziale Gerechtigkeit sind die wichtigsten Werte der Utopisten. Wichtigster Baustein der neuen, utopischen Gesellschaft, ist ein neuer, demokratischen Prozess. Utopisten würden auf den Vorwurf “Ihr habt gar kein Programm” überspitzt antworten: unser Prozess ist unser Programm. Die Utopisten sind auch die Verteidiger von Liquid Feedback.

Futuristen sehen das Gute in der neuen Technologie. Futurismus bezeichnet zunächst eine Bewegung, die vor 100 Jahren von Italien ausging. Die Futuristen damals erkannten die Segnungen, die die Menschheit aus der industriellen Zivilisation erhalten könnte – vor allem aus der relativ neuen Elektrotechnik und der Motorisierung. Aber die Futuristen sahen, dass die alte Welt, die dekadenten Monachrien, mit ihrer restriktiven Moral die Entfaltung dieser Industriekultur nach Kräften ausbremsten – völlig zu Recht mussten die alten Machthaber doch fürchten, dass mit der völligen Demokratisierung der Energieversorgung (und damit der Produktionsmittel), ihr Machtanspruch “von Gottes Gnaden” ebenso überflüssig werden würde, wie die Segelschiffe oder die Pferdekutschen.

In der Piratenpartei sehe ich bei vielen Leuten ein ähnliches Motiv, wie bei den Futuristen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die moderne Technologie eröffnet einen Reichtum für nahezu unbegrenzt viele Menschen, aber veraltete Moral und Besitzstandswahrung verhindert, dass die digitale Kultur sich voll entfalten kann.

Auf den Piraten-Kernthemen decken sich die Ziele beider Lager nahezu völlig. Der Konflikt kommt auf, sobald allgemeinere politische oder ethische Fragen zu beantworten sind. Themen, wie Umweltschutz, Egalitarismus und auch Feminismus, die für die Utopisten hohe Priorität besitzen, sehen die Futuristen eher skeptisch (um es vorsichtig auszudrücken). Während es für die Utopisten unerträglich ist, dass die Piratenpartei Raum für Atomkraft-Befürworter lassen soll, ist das für die Futuristen eine legitime Meinung innerhalb ihrer grundsätlichen Technikfreude.

“Noi vogliamo distruggere i musei, le biblioteche, le accademie d’ogni specie, e combattere contro il moralismo, il femminismo e contro ogni viltà opportunistica o utilitaria.”

(Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht.)
Filippo Tomaso Marinetti

An der futuristischen Position stört mich vor allem das Harte, Maskuline, oftmals Zynische. “Wir sind kein Mädchenpensionat.” ist noch die mildere Variante. “Heul doch” – wer die Aggression nicht erträgt ist eben zu schwach. Geisteswissenschaften,vor allem das postmoderne Denken, werden gerne als unwissenschaftlich abgetan, während eine, gelinde gesagt naive Epistemologie der “Evidenz” propagiert wird.

“Die Politik jeglicher Färbung ist mir seit langem zuwider, und ich marschiere hinter keiner Fahne mehr her. Auch ist die Erdrevolution mit politischen Mitteln nicht zu bewältigen. Sie dienen höchstens zur Garnierung des Vulkanrandes, falls sie nicht die Entwicklung sogar vorantreiben.” (Ernst Jünger)

Die Piraten-Futuristen halten sich oft politisch für weder Rechts noch Links. Aber wie meistens, wenn Leute so eine apolitische Position für sich reklamieren, findet die Abgrenzung zwar sehr deutlich nach Links statt, während rechtes Gedankengut als “Meinungsfreiheit” verteidigt wird. Was nach außen vielleicht den Eindruck von Herumlavieren macht, von Stimmenfang am rechten Rand oder auch nur als Unentschlossenheit unterschätzt wird, ist, fürchte ich, in der Tat eine politische Position und sehr ernstzunehmen.

Il mondo è la rappresentazione della sensibilità e del pensiero di pochi uomini superiori.

(Die Welt ist ein Theaterstück aus den Gefühlen und Gedanken weniger, überlegener Männer)
Gabriele d’Annunzio

Auch wenn ich – da verrate ich sicher kein Geheimnis – viel Sympathie für die Utopisten habe (dazu gibt es hier schon eine ganze Reihe von Texten), muss ich zugeben, dass ich die Meinung der Futuristen teile, dass der technologische Wandel an sich schon einen Wert hat. In der Declaration of Liquid Culture haben wir versucht, diesen Futurismus auszudrücken. Man hat mir sogar vorgeworfen, dass diese Rede messianistische Züge trägt.

Ich hoffe, dass es uns gelingt, unsere Begeisterung an der neuen Welt, die wir uns durch die digitale Technologie erschließen, vom Zynismus und Autoritarismus zu trennen, der von den futuristischen Ideologen in die Piratenkultur getragen wird. Es wäre schade, im Technokratischen zu verharren und die, wie ich finde wirklich revolutionären Gedanken der Piratenphilosophie nicht auf alle Bereiche der Politik anzuwenden.

Ich bin überzeugt, dass die Piratenpartei für die Wahlen 2013 in diesen Fragen eine klare Position braucht.

Weiter lesen:

Ein paar Gedanken zur politischen Philosophie der Piratenpartei



3 Responses to “Futuristen kontra Utopisten”

  1. Leseempfehlungen | stk Says:

    […] Schluss: Futuristen kontra Utopisten, ein Artikel von Joerg Blumtritt ueber die gegensaetzlichen Stroemungen innerhalb der Piraten. […]

  2. nise81 Says:

    Eine sehr treffende Beschreibung.

    Beim Versuch mich als Futuristen zu sehen, kann ich meine Bedenken bezüglich Technikfolgen (Datensammeln, Datenmonopole, Datenschutz, usw.) leider nicht unterbringen. Als Futurist müsste ich jedem technischem Hype folgen und die Konsequenzen für Gesellschaft und für mich privat ignorieren. Dies kann ich nicht, deshalb engagiere ich mich seit Jahren im Piratenumfeld.

    Anzumerken wäre noch, dass Piraten sich relativ schnell auf die Form, nicht jedoch auf den Inhalt politischer Forderungen verständigen können. Während die Form die Wege der Umsetzung meint, versteht man unter Inhalt das, was es eigentlich umzusetzen gilt. Dieses formalisierte Denken kommt sicher nicht von ungefähr. Informatiker, System Administratoren usw. denken von berufswegen in Formalismen und sind versucht ihre Denke in die politische Praxis zu überführen. Schlagworte in Bezug auf die Form sind: Transparanz, Offenheit/Open, Mitbestimmung, …
    Der Konsens besteht hinsichtlich der Form, die Divergenz hinsichtlich der Inhalte. Dies zu ändern ist eine Herausforderung. Vielleicht ist die Rolle Piraten in den Parlamenten deshalb eher in der der politischen/demokratischen Administration zu suchen. Diese Rolle besteht auch in der Vermittlung von Technikverständnis.

    -ns

  3. » Futuristsen contra Utopisten unter den Piraten? | nise81.com | niels seidel Says:

    […] Jörg Blum­trit glaub die zwei ge­gen­sätz­li­che Strö­mun­gen in der Pi­ra­ten­par­tei er­kannt zu ha­ben: die Uto­pis­ten und Futuristen. […]

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