Memetic Turn, 11.4.2012:

Jenseits der Sehnsucht

Benedikt Koehler.

Nico Lumma versucht in diesem Blogpost die Umfrageerfolge der Piratenpartei aus der Sehnsucht der Protestwähler nach einem neuen Politikstil zu erklären: Eine Politik mit weniger Staatsräson und Alternativlosigkeiten, nach der sich die jüngeren Wähler so sehr sehnen und die sie bei den etablierten Parteien nicht mehr finden. Am Ende des Posts kommt das große Aber: “Es ist natürlich die Frage, ob und wenn ja wie, die Piraten diese Sehnsucht vieler Wähler auch bedienen können.”

Die Akteure sind also klar definiert:

  • die (jungen) Protestwähler mit einer Sehnsucht nach einer Veränderung in der Politik,
  • die etablierten Parteien mit ihrem zuviel an Bürokratie und Ritualen,
  • die Piratenpartei, die als Projektionsfläche dient – für die Sehnsüchte der Protestwähler und die Ängste der etablierten Parteien.

Nimmt man dieses Szenario ernst, dann haben die etablierten Parteien tatsächlich gar nicht so viel zu befürchten. Sie müssen sich nur ein bisschen öffnen, ein bisschen Transparenz in ihre Berliner Ritualveranstaltungen bringen und vielleicht auch ein bisschen “ernsthaft” mit netzpolitischen Ideen auseinandersetzen (Was haben die Steinmeiers denn bitte vorher gemacht?). Dann können sie in Ruhe abwarten, dass die Piraten den überhöhten Erwartungen nicht gerecht werden und an den Herausforderungen der Realpolitik scheitern.

Als politische Beruhigungstablette (“Flausch forte”) mag das noch funktionieren. Als Erklärung dessen, was gerade im politischen Deutschland passiert, ist das allerdings ebenso einfach gedacht wie falsch. Denn: Die Piratenpartei wird nicht von Sehnsüchten von einem Umfragehoch zum nächsten und von einem Wahlerfolg zum nächsten getragen, sondern von einer viel tieferen Strömung: Der Erkenntnis, dass Politik möglich ist. Und zwar jetzt sofort.

Es ist gar nicht notwendig, die Ochsentour von Infostand zum Bundesdelegierten zu durchlaufen, um die Partei inhaltlich mitzugestalten. Es ist gar nicht notwendig, ein Parteibuch zu besitzen, um zu erfahren, wo wie und von wem welche Anträge auf den Weg gebracht werden. Es ist gar nicht notwendig, ein Amt oder Mandat zu besitzen, um politisch zu denken. Oder etwas allgemeiner: Es ist gar nicht notwendig, sich als Repräsentant zur Wahl zu stellen, um für eine politische Idee zu sprechen. Diese Partei muss gar nicht repräsentiert werden, sondern jeder kann für sich und mit jedem sprechen.

Als ich noch an der Uni gearbeitet und gelehrt habe, war der Wandel weg von den festen Organisationsformen des Ehrenamtes und der Politik hin zu frei-flottierenden (Soziologenjargon, sorry) Formen des Engagements en vogue. Die Piraten haben es jetzt aber geschafft, beides miteinander zu verbinden: eine Organisationsform, die auf eine längere Lebensdauer ausgelegt ist als eine Bürgerinitiative, aber gleichzeitig so etwas wie Instant-Involvement ermöglicht. Das hat die Piratenpartei freilich nicht selbst erfunden. Die kreative und kollaborative Onlinekultur kennt das schon lange: Wikipedia, Openstreetmap und WordPress sind die Vorbilder für dieses Einklinken in Echtzeit.

Wer aber die Piratenpartei als Sehnsuchtsort beschreibt, verkennt die Tatsache, dass sie schon längst diesen neuen Politikstil, den die etablierten Parteien so sehr fürchten, verwirklicht haben (als ständige Betaversion allerdings, die immer mal wieder hängen bleibt). Das ist in etwa so, als würde man die Wikipedia als Projektionsfläche für eine freie Wissensplattform sehen und nicht als eine zentrale kulturelle Institution, die längst unsere Art, Wissen zu schaffen, validieren und zu sammeln verändert hat.

Guten Morgen! Die Verflüssigung der Parteienlandschaft hat bereits begonnen.



3 Responses to “Jenseits der Sehnsucht”

  1. Veit Says:

    Ich glaube nicht, dass sich Parteien so schnell verflüssigen. Wir Wähler wüssten nicht, was und wen wir ohne sie wählten.

  2. Zafolo Says:

    Ich glaube, dass tatsächlich eine Art Phasenübergang stattfinden könnte. Wenn die Piraten den Leuten eine reale Möglichkeit gibt, ihre politischen Anliegen tatsächlich einzubringen und in Beschlüssen umzusetzen, statt bei Spiegel Online zu jammern wie doof es ist was die Politik da treibt, dann könnte sie einen gewissen Anteil Wähler anderer Parteien förmlich aufsaugen.

    Und aufgrund der Offensichtlichen Orientierungslosigkeit der Parteien wollen viele Leute nicht mehr unbedingt jemanden, der ihnen sagt wo’s lang geht. Sie wollen vielmehr ernst genommen werden.

    Ich verstehe das Argument, dass es eine Sehnsucht nach Führerfiguren gebe. Ich bin aber skeptisch, ob das wirklich so ist. Medienstars gibt es im Fernsehen und in der Unterhaltungsindustrie. Bei YouTube gibt es aber eine Unzahl kreativer Leute. Kultur geht auch ohne diesen ausgesprochenen Starkult. Warum nicht auch Politik ohne “Führer”?

  3. tomtom Says:

    @Zafolo

    Die jammernden (und oft erschreckend thematisch mit Vorurteilen und Halbwissen geschlagenen) SPON-Kommentatoren will ich eigentlich nicht in politischer (Mit-)Verantwortung sehen.

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