Memetic Turn, 6.6.2012:

Liquid Affirmative Action

Joerg Blumtritt.

You do not wipe away the scars of centuries by saying: ‘now, you are free to go where you want, do as you desire, and choose the leaders you please.’ Lyndon B. Johnson

Am Freitag fand die Auftaktveranstaltung “keinzelfall – Diskriminierung geht uns Alle an!” der Veranstaltungsreihe zur Sensibilisierung bezüglich diskriminierender Ideologien und Praxen innerhalb der Piratenpartei statt. Diskriminierungsfreiheit scheint ein Thema, mit dem sich die Piraten überraschend schwer tun. Überraschend deswegen, weil die Partei schließlich vom denkbar offensten Menschenbild ausgeht: keine Kategorie, in die Menschen üblicherweise eingezwengt werden, wird von den Piraten akzeptiert – deshalb geben wir auch unser Geschlecht nicht an, wenn wir Mitglied werden.

Ich bin persönlich begeistert von einem so freien Bild des Menschen – Liquid Identity ist nicht umsonst eine der Forderungen in unserer Declaration of Liquid Culture.

Nichtsdestotrotz stimmt unverändert, was US Präsident Johnson in seiner berühmten Rede “To fulfill these rights” von 1965 anführt: wir können nicht einfach sagen “So, jetzt ist Schluss mit Sexismus” – und dann sind alle Strukturen plötzlich machtlos, die bisher wirkmächtig genug waren, das System über Jahrhunderte stabil zu halten.

Basisdemokratie – wenn alle einzeln für sich sprechen – kann scheitern, wenn bestehende Assymetrie hineingetragen wird.

So zumindest habe ich mir aus den klugen Gedanken von Matthias Mergl auf der keinzelfall-Veranstaltung mitgeschrieben.

Aber wie können wir diesen Widerspruch auflösen – einerseits wollen wir die Konstrukte Gender, Kindheit, ethnische Herkunft etc. unbedingt überwinden – andererseits muss uns klar sein, dass ein naives “Wir sind alle Post-Constructivist” und deshalb sind wir komplett frei von den Einflüssen diskiminatorischer, struktureller und kultureller Gewalt, eben genau die bestehenden Ungleichheiten in unsere Gemeinschaft hineinträgt.

Beim anschließenden Bier ist UrbanP1rate, Carridwen und mir eine Idee gekommen, die sich imo lohnt, weiterzudenken: Liquid Affirmative Action.

Der Gedanke zur Liquid Affirmative Action ist ganz einfach: ja, wir brauchen eine Quote, nein, wir brauchen keine Konstrukte. Wir starten eine Liste mit Kategorien “Männer”, “Frauen”, “Neutral”, etc. Jeder Pirat trägt sich selbst in die Kategorie ein, für die es sich entscheidet (geschickt, wie ich hier das Neutrum beim Pronomen einführe, nicht wahr?). Wenn keine Kategorie passt, wird eine neue aufgemacht. Ich halte zB Kategorien wie “Piraten, die in keine Kategorie eingeteilt werden wollen” oder “Piraten, die einfach in irgendeine Kategorie eingeteilt werden wollen” für völlig legitim. Wir hatten solche Selbsteinteilung schließlich schon öfters. Und dann Quotieren wir nach der Größe der einzelnen Kategorien.

Mögliche Einwände:

  • Total kindisch – ja, genau deshalb ist es imo eine gute Idee (s. “Als ich ein Kind war”)
  • es wird viel zuviele Kategorien geben – dann sollten wir über geeignete Tools wie z.B. Liquid Feedback über die Neuanlage einer Kategorie abstimmen
  • Die Schweigespirale – ja, das ist, denke ich, der wichtigste Punkt; ich habe aber die Hoffnung, dass wir genügend Leute finden, die sich zu der einen oder anderen Kategorie bekennen, dass die Spirale durchbrochen wird.
  • Und jetzt?
    Jetzt sollten wir testen, ob es nicht vielleicht überraschend einfach ist und gut funktioniert, wenn wir von den starren, aus einem diskriminierenden Menschenbild geborenen Kategorien der üblichen Quotenregelungen herauskommen und unseren eigenen, piratischen Weg zu diskriminierungsfreien politischen Partizipation finden. Wir wollen, dass jeder Mensch für sich spricht, sich nicht als “seinesgleichen” vertreten lassen muss. Aber wir wollen auch, dass wir uns von den alten Ungleichheiten befreien und das werden wir nicht schaffen, wenn wir sie einfach ausblenden.

    Darum ist es Zeit für Liquid Affirmative Action!



    3 Responses to “Liquid Affirmative Action”

    1. Benedikt Says:

      Das ist eine sehr spannende Auflösung der Paradoxie “Ohne Diskriminierung keine Anti-Diskriminierung”. Vielleicht kann man das Post-Privacy-theoretisch noch weiter denken in Richtung geheimer Kategorien. Also eine Art Einweg-Hashfunktion, die anderen verbirgt, in welche Kategorie ich mich einsortiere (wenn ich das für mich behalten möchte), aber trotzdem affirmative Handlungen ermöglicht.

    2. Till Says:

      Interessant (weil es Reifizierungseffekte vermeiden will), aber unpolitisch: Affirmative Action heißt ja gerade nicht, eine Grundgesamtheit genau zu repräsentieren, sondern historisch unterrepräsentierte Gruppen zu bevorzugen. Mit dem Kategoriensystem kämen die Piraten auf eine 65% Männer, 10% Neutral-non-ident, 5% Ponys und maximal 20% Frauen-Quote. Das entspricht in etwa den Listen, die ganz ohne Kategorien zustande kommen.

    3. Benedikt Says:

      @Till Das verstehe ich nicht ganz. 20% Frauen würde heißen: affirmative Handlungen, denn in der Gesamtgesellschaft identifizieren sich wahrscheinlich bei einer derart offenen Frage 40% auf diese Weise (ist geschätzt, keine Ahnung, ob es dazu Forschung gibt).

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