Memetic Turn, 3.6.2012:

Mainstream

von Benedikt Koehler.

Wir wollen die Freiheit der Welt,
und Straßen aus Zucker,
Schneien soll´s Geld und
Ab und zu Futter,
Für Kanonen aus Plastik auf Panzern aus Watte,
In 1000 Jahren sind wir Klassik
(Frittenbude, 2008)

Do not follow where the path may lead.
Go instead where there is no path and leave a trail.

Harold R. McAlindon

Wo ist der Mainstream in der Kultur? In der Politik? Oder können wir in einer immer fragmentierteren Gesellschaft gar nicht mehr von dem einen Mainstream sprechen, der die Mitte der Kultur definiert? Je länger man darüber nachdenkt, desto schöner ist die Metapher des Mainstreams. Sie denkt Kultur schon in den 1960er Jahren nicht mehr als Schichten (Hochkultur vs. Volkskultur), sondern als Raum der Ströme, wie wir das in unserer Liquid-Culture-Erklärung ebenfalls fordern.

Politisch war der Mainstream ein Kampfbegriff. Die Mitte der Gesellschaft war ein privilegierter Ort, zu dem nicht jeder einen Zugang hat. Die Lösung hieß sehr schnell: Mainstreaming. Ziel war es, mit rechtlichen und politischen Entscheidungen dafür zu sorgen, dass zum Beispiel jeder denselben Zugang zum Bildungssystem oder zum Arbeitsmarkt besitzt. Mainstreaming ist in dieser Bedeutung dasselbe wie Antidiskriminierung.

Gleichzeitig war der Mainstream aber auch – in umgekehrter Polarität – ein kultureller Mainstream. Der breite Strom des kulturellen Minimalkonsenses ist für die Avantgarde ein lebensfeindlicher Ort. Sie ist radikal und extrem. Doch beide Positionen drohen von dem Mainstream weggespült zu werden, der sein Flussbett immer tiefer in die Kultur fräst und immer breiter anschwillt. Aus Sicht der Künstler ist die Flutwelle des Mainstreams eine Gefahr, denn alles was nicht fest verwurzelt, also radikal, ist, verleibt sich der Strom ein. Diese ständige Bedrohung hat Teufelsblume in folgendem Tweet auf den Punkt gebracht:

Damit kommen wir zu einer neuen Formulierung des Filter-Bubble-Phänomens: Die Informations- und Nachrichtenstreams, die wir auf Twitter, Facebook oder Flipboard lesen, machen den gesellschaftlichen Mainstream unsichtbar. Wir verlieren ein Gefühl dafür, wo der Mainstream gerade fließt und welche kulturellen Strömungen er sich schon eingemeindet hat. Sind wir radikal? Sind wir extrem? Sind wir vorne oder mittendrin? Die Timeline schweigt zu diesen Fragen. Ob wir in unserer Blase auf einem schmalen Wildbach oder einem breiten Strom schwimmen, ist von innen nicht mehr erkennbar. Damit verschwindet aber auch die Fähigkeit, die Ausdehnung unserer Kultur abzumessen, die ja vor allem durch die extremen und radikalen Positionen markiert wurden (Plus Ultra!)

Früher hat man den Massenmedien, dem Massenkonsum und der Massendemokratie einen objektiven Blick auf die Mehrheitsverhältnisse zugesprochen. Aus dieser neutralen Perspektive konnte man erkennen, welche Strömungen schon breit geworden sind, um sie entweder zu vereinnahmen oder in die entgegengesetzte Richtung zu flüchten. So sieht die (junge) Geschichte des Mainstreams aus, wenn man den Google-Buchcorpus auswertet:

Der Mainstream hatte um die Jahrtausendwende seinen Höhepunkt. Seitdem geht es bergab. Die Filterbubble könnte sich hier als eine gefährliche Störung unseres kulturellen oder politischen Kompasses entpuppen. Aber: Sich-treiben-Lassen ist das Gegenteil von Navigation geschweige denn Gestaltung.



5 Responses to “Mainstream”

  1. Andreas Weber Says:

    Sehr gute Analyse. Wobei: Mainstream an sich stellt keinen Wert da. Aber ich denke, es geht auch eher um die Effekte und Wirkungsmechanismen, die einstreten, wenn kein mainstream mehr nutzbar wird. Für die meisten heisst das (besonders in der business communication): Der Durch – und Überblick geht verloren. Entscheidungen werden nicht oder falsch getroffen.

  2. Twitter ist mehr – meine morgendliche Orientierungshilfe in (meiner kleinen) Welt #twitterlektionen | Lernspielwiese Says:

    […] ah. Und hier hat Benedikt was zum Mainstream geschrieben, Ilona hat dort einen CfP zu “Networked Identities – an Open Book […]

  3. Sabria David Says:

    Ja, stimmt, es ist spannend, die Metaphern “Mainstream” und “Twitterstream” auf diese Weise zu betrachten. Ich möchte aber eins ergänzen:
    Den Mainstream gibt es noch, man erkennt ihn an den Geldströmen. Wo das Geld hinströmt, da ist der Mainstream, das wäre meine These. Deshalb ist im Twitterstream auch nichts von Mainstream zu merken – hier fließt kein Geld.

  4. furukama Says:

    @Sabria Absolut, für Follow-the-Money-Ansätze bin ich immer zu haben! Das Bild passt auch: Der Mainstream ist der Fluss, auf dem am meisten Geldscheine treiben, oder aus dem man die größten Nuggets herauswaschen kann. Aber mal ganz konkret: Wie misst man Geldströme auf Twitter?

    Außerdem erklärt das die zweite Grafik nicht. Warum hat der Mainstream um 1999 seinen Höhepunkt und geht danach wieder zurück? Hat das vielleicht doch mit der Verflüssigung der Kultur nach dem Platzen der DotCom-Blase zu tun (also der Geburtsstunde der digitalen Kultur, wie wir sie heute kennen)?

  5. Sabria Says:

    Auf jeden Fall merkt man immer wieder, dass um die Jahrtausendwende etwas Signifikantes beginnt und aufhört, sich etwas verändert – und das hat sowohl etwas mit “slow” als auch mit “liquid” zu tun. Während “Mainstream” als Nennung in Büchern sinkt, steigen parallel die Nennungen von “Vertrauen”, “Bindung” und “Aufmerksamkeit”… http://books.google.com/ngrams/graph?content=Vertrauen%2CBindung%2CAufmerksamkeit&year_start=1800&year_end=2008&corpus=8&smoothing=3

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