Memetic Turn, 20.6.2013:

Neuland – warum wir uns gegen die Kolonialherrschaft der Digital Immigrants wehren müssen

Joerg Blumtritt.

Angela Merkel nennt das Internet “unerforschtes Neuland”. An diesem Bild kann ich nichts peinliches erkennen, keinen Faux-Pas. Nein – in diesem Bild drückt Merkel aus, wie sie das Netz erlebt: als “unclaimed Territory”, einen Raum, den es zu erobern gilt.

Digital Immigrants sagt man zu Menschen, die erst spät den Weg ins Internet gefunden haben. Ich finde die Metapher passt gut zum “Neuland” von Angela Merkel: Einwanderer, die sich ein Land erobern, von dem sie glauben, dass es ihnen zusteht, ohne Rücksicht darauf, dass vielleicht schon Menschen dort leben. Digital Natives nennt man Leute, denen das Internet fester Teil ihres Lebens geworden ist. Wie die Bewohner der Welt außerhalb Europas haben auch die digitalen Eingeborenen ihre Kultur, ihre Werte, ihre Gemeinschaften, in denen sie zusammen leben.

Wenn Merkel das Netz als “Neuland” bezeichnet, das “unter Pflug” genommen werden muss, drückt sich darin ein regelrecht kolonialherrliches Verständnis der Welt aus: Hoppla, jetzt kommen wir. Macht gefälligst Platz und lebt nach unseren Regeln! Wer wie Aaron Swartz Widerstand leistet, wird zur Strecke gebracht wie einst Sitting Bull von den Siedlern, die Amerika als ihr “Neuland” ansahen. PRISM, INDECT, TPP, IPRED, Leistungsschutzrecht – das sind die Werkzeuge kolonialer Unterwerfung, mit denen der Widerstand der Eingeborenen gebrochen werden soll.

Aber das Internet ist keine utopische Neue Welt, kein virtuelles Neuland – es ist Teil dieser Realität, mit ganz realer Wirkung in unser tägliches Leben. Wir haben mit der Erweiterung unserer Welt durch das Netz an vielen Stellen eine Freiheit kennengelernt, die wir zuvor nur erträumen konnten. Wir haben gesehen, wie stark Gemeinschaftlichkeit durch das Netz gefördert wird, wie wir Grenzen überwinden können – geografisch, sozial oder kulturell.

Wollen wir, dass unsere Kultur von den Digital Immigrants in abgelegene Reservate verdrängt wird? Wir müssen unsere Freiheit im Netz verteidigen. Das Netz ist kein Neuland – es ist unser Land.



5 Responses to “Neuland – warum wir uns gegen die Kolonialherrschaft der Digital Immigrants wehren müssen”

  1. Dentaku » Neuland – warum wir uns gegen die Kolonialherrschaft der Digital Immigrants wehren müssen Says:

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  2. Benedikt Says:

    Der Schlüsselroman dazu ist American Gods. Einwanderer bringen immer ihre eigenen Götter mit, die sich dann mit den viel früher angekommenen Göttern auseinandersetzen müssen. Alte Götter werden langsam vergessen und neue Götter ebenso schnell angenommen. Letzten Endes gilt aber: “This is a bad place for gods”.

  3. JT Says:

    mit Verlaub… dieser Text unterliegt dem Irrtum aus dem Internet einen Raum mit eigenem Rechtsverständnis bilden zu können. Das ist natürlich Blödsinn. Solange von den s.g. digital Natives kein Konzept vorgelegt wird, wie man Urheber gerecht entlohnen zu gedenkt, bleiben Artikel dieser Art leider nur unreife Forderungen von Menschen, die gerne Filesharing betreiben. Verständlich, aber halt eben gesellschaftlich irrelevant. Entsprechend ist der obige Artikel ein einziger Widerspruch.

  4. jbenno Says:

    das Bild vom “Neuland” ist ja nicht von mir, sondern von Angela Merkel. Das Internet als “Virtuelle Realität” darzustellen ist ein typisches reaktionäres Argument, der sogenannte “Digital Dualism”.

    Das mit den unreifen Menschen verstehe ich angesichts der globalen Probleme nicht. Was ist unreifer: Kultur zu teilen oder Atommüll in die Asse zu kippen? Ein Sound Remix zu komponieren oder Streubomben verkaufen? Seine Privatsphäre verteidigen oder ohne Tempolimit auf Autobahnen rasen? Sorry, unreif ist eine sinnlose Beleidigung. Und das du keine Konzepte kennst, spricht nicht gerade dafür, dass du dich mit den Themen je auseinander gesetzt hättest.

  5. Christian Rieß Says:

    @ JT:

    Glauben sie denn wirklich, dass es nur um Filesharing geht? Das Internet hat eine eigene Sprache, eine eigene Kultur. Das Internet hat eigene Riten und Symbole. Es gibt hier eigene Stämme und Glaubensgruppen. Und das ganze international, über alle Ländergrenzen hinweg. Es ist der freie Austausch von Wissen. Wenn man irgendetwas lernen will, vom Bogenschießen über Quantenphysik bis zum reparieren einer Waschmaschine, findet man im Internet sicher jemanden, der es einem beibringen kann. Wahrscheinlich sogar in Form eines YouTube-Videos. Das Internet ist im Moment das größte Dorf der Welt, mit allen Vor- und Nachteilen. Ich denke, dass die Vorteile überwiegen, weshalb es wichtig ist, dass dieser Wunderbare Ort nicht unter die Räder von Leuten kommt, die nichts davon verstehen.



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