Memetic Turn, 10.2.2013:

Universität nach dem Ende der Universität

von Benedikt Koehler.

Ich mach’ mir die Welt widde widde wie sie mir gefällt.
Pippi Langstrumpf

The traditional school was oligarchic
because it was intended for the new generation of the ruling class,
destined to rule in its turn: but it was not oligarchic in its mode of teaching.
Antonio Gramsci, Prison Notebooks

Undurchführbar in dieser Gesellschaftsordnung,
durchführbar in einer anderen, dienen die Vorschläge,
welche doch nur die natürliche Konsequenz
der technischen Entwicklung bilden,
der Propagierung und Formung dieser anderen Ordnung.

Bertolt Brecht, Radiotheorie

 

Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle unter dem Kampfruf “Schleift die Universitäten” meine Gedanken zur Zukunft der (Hochschul-)Bildung skizziert additional hints. Dieser Beitrag hat zum einen in der Zwischenzeit sehr viele spannende Debatten angeregt, zum anderen hat diese Debatte durch den kalten Titelentzug der Bildungsministerin Annette Schavan wieder an Aktualität gewonnen und auf einer eher pauschalen Ebene wird dem gesamten System der Universität die Legitimität abgesprochen.

Sehr viel spannender an der Diskussion um die Zukunft der Hochschule finde ich die zwei folgenden Fragen:

I. Was ist mit den Naturwissenschaften?

Wenn die Zukunft der Bildung wie bereits beschrieben darin liegt, über das Internet von den besten Professoren und Lehrern der Welt zu lernen, wie werden dann technische Fähigkeiten vermittelt? Wie lernt man zum Beispiel in einem Chemiestudium den sicheren Umgang mit Gefahrenstoffen? Oder ist das Modell der Distance University von Anfang an nur auf geistes- oder sozialwissenschaftliche Fächer anwendbar? Wird damit eine neue Hegemonie der septem artes liberales gegenüber den artes mechanicae begründet?

Tatsächlich, wenn man nur auf die Vorlesungen und Übungen blickt, die auf den Internetlernplattformen angeboten werden, liegt dieser Schluss nahe. Die meisten Kurse stammten zunächst aus dem Umfeld der klassischen freien Künsten, gelehrt wird Mathematik, Musik, Computer Science, Psychologie, Soziologie etc. Für einige dieser Kurse kann man bereits Credit Points für das “echte” Universitätsstudium erwerben. Aber mittlerweile haben die Naturwissenschaften nachgelegt und auch Angebote aus Physik, Biologie, Chemie oder Medizin findet man dort. Aber es sind jeweils eher klassische Vorlesungsformate, die Wissen vermitteln, vertiefen und prüfen, während praktische Fähigkeiten bis auf wenige Ausnahmen hier nicht vorkommen.

Wer jedoch einmal das Vergnügen hatte, ein Fach wie Chemie zu studieren, weiß, dass das Wissen über Chiralität, Elektrophilie und Orbitale nur einen kleinen Teil der “Ausbildung” bedeutet. Der weit größere und intensivere Teil besteht aus Laborstunden, in denen man mit (scheinbar) einfachen Geräten wie Waage, Pipette und Spatel umzugehen lernt. Wie lässt sich das Handwerkszeug der mechanischen Künste in der Universität nach der Universität vermitteln? Lässt es sich überhaupt noch vermitteln?

Ja. Man muss das Konzept der Distance Education nur etwas weiter denken. Die Vorlesungen und Übungen, die man über das Internet abruft sind nur eines von vier Elementen der zukünftigen Universität:

Der erste Schritt ist die praktische Ausbildung in Form von komprimierten Präsenzkursen, in denen man die notwendigen technischen Fähigkeiten lernt: die Chemikerin lernt den Umgang mit gefährlichen Stoffen, die Archäologin lernt, mit Pinsel und Zahnstocher Knochen freizulegen und die Biologin übt sich in der Polymerase-Kettenreaktion. Parallel dazu wird das theoretische Wissen über die bereits ausführlich beschriebenen Distance-Kurse angeboten.

Zur Vertiefung des Wissens sind ergänzend lokale oder virtuelle Lerngruppen denkbar, die sich über Internetplattformen wie Meetup finden. Viele der Geräte der Laborstudiengänge Chemie oder Biologie sind bereits im Preis so weit gefallen, dass man sich schon im Keller ein Labor einrichten könnte. Für die Fälle, in denen das nicht möglich ist, bieten sich kommunale Hackerspaces an, in denen man sich diese Geräte gemeinsam anschafft und nutzen kann. Ein Beispiel dafür ist das Projekt “Genespace” in New York. Die beiden letzten Elemente sind es dann auch, die einige der sozialen Funktionen des Stundentenlebens, allen voran der Aufbau des eigenen sozialen Netzwerks, übernehmen könnte. Insofern sind Dienste wie Coursera, Udacity oder Khan Academy allein noch keine Lösung, sondern erst in der Kombination: Präsenzkurse + Distancekurse + Lerngruppen + Hackerspaces.

II. Was ist mit der Gerechtigkeit?

Der erste Punkt – die komprimierten Präsenzkurse erfüllen aber auch noch eine weitere wichtige Funktion: Sie garantieren, dass zu Anfang des Studiums zwischen allen Studierenden ein annähernd gleicher Wissens- und Kenntnisstand hergestellt wird. Hier kommt Gramsci als Mahner ins Spiel: In seiner Analyse der faschistischen Bildungsreform unter Mussolinis Bildungsminister Gentile 1923 stößt er auf ein ähnliches Phänomen: Diese Bildungsreform war mitnichten in Richtung Rigorosität und Härte zu denken, sondern wendete sich dezidiert gegen überkommene Formen der Pädagogik wie das Auswendiglernen. Stattdessen sollte eine sehr viel weichere und organischere “aktive” Bildung die zukünftigen Eliten prägen.

Gramsci erkennt darin sofort einen perfiden Exklusionsmechanismus: Die Bildungsreform begünstigt die bestehenden Eliten und legt jungen Menschen, die zum Beispiel aus einer Arbeiterfamilie kommen, unüberwindliche Hindernisse in den Weg. Wer nicht bereits eine akademische Vorbildung hat und durch die strenge Erziehung der Elitefamilien gegangen ist – Stillsitzen, nur Sprechen, wenn man dazu aufgefordert wird, Fleißübungen -, hat auf der neuen Schule keine Chance mehr aufzuholen. Je weniger direkt vermittelt und stattdessen stillschweigend vorausgesetzt wird, desto ungerechter die Bildung. Denn dann hängt alles davon, ab welches Erbe der einzelne in das Bildungssystem bereits mitbringt.

Genau diese Gefahr meint man schnell auch in der Distance Education zu erkennen: Viel wird hier vorausgesetzt – Lerntechniken, Internetzugang oder die Fähigkeit, sich selber zu motivieren – und nur wenige dieser grundlegenden Fähigkeiten werden in den Kursen selbst vermittelt. Deshalb sind die beiden Elemente der komprimierten Einführungskurse – ich denke hier im Fall der Chemie an so etwas wie eine verkürzte Ausbildung zur Chemisch-Technischen Assistenten – und die gemeinschaftlich finanzierten kommunalen Hackerspaces als Gerechtigkeitsbeschleuniger in einer digitalen Universität kaum zu unterschätzen.



2 Responses to “Universität nach dem Ende der Universität”

  1. Sommercharlie Says:

    alles richtig

  2. 13. Februar 2013 « Schichtstufen Says:

    […] Mementic Turn: Universität nach dem Ende der Universität […]

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